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Niedrige Löhne vernichten Arbeit

Katastrophaler deutscher Binnenmarkt – Ein Vergleich mit Frankreich

Bereits in den Hintergrundartikeln über Lohnzurückhaltung und die Hartz-Reformen wurde darauf hingewiesen, dass einerseits die Binnenkonjunktur infolge der mageren Lohnentwicklung schwach geblieben ist, andererseits auch in der Summe, also trotz des stark gestiegenen Exports, die Zahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden (auch „Arbeitsvolumen“ genannt), im langfristigen Trend nicht nennenswert zugenommen hat. Nach den Reformen gab es zwar eine kleine Aufschwungphase zwischen 2006 und 2008, die die Arbeitslosigkeit (neben den bereits angeprangerten Umverteilungstricks) reduzierte, aber ähnliche und zumeist stärkere Zuwächse gab es auch im vergleichbaren nicht oder weniger „reformierten“ Ausland wie Österreich, Niederlande, Belgien, Schweden, Dänemark und Frankreich, so dass man also nicht von einem besonderen Erfolg der deutschen Agenda 2010 sprechen kann. Die verhältnismäßig gute deutsche Genesung ab 2010 ist hingegen überwiegend den international wiedergenesenen Absatzmärkten zu verdanken, die den deutschen Export- bzw. Wirtschaftseinbruch im Jahr 2009 verursacht hatten, jedoch auch einem anderen günstigen Umstand geschuldet, der in diesem Artkel besonders hervorgehoben werden soll.

Das Arbeitsvolumen ist die entscheidende Messzahl zur Bestimmung des wirtschaftspolitischen Erfolgs bei der Bekämpfung der Arbeitslosenzahl, da sie angibt, wieviel Arbeit die Wirtschaft den potentiellen Erwerbspersonen überhaupt zur Verfügung stellen kann. Da auch nur in jeder gearbeiteten Stunde eine wirtschaftliche Wertschöpfung erbracht wird, bestimmt das Arbeitsvolumen zusammen mit den durchschnittlichen Einkommen pro Stunde also auch das Bruttoeinkommen, das die Menschen verdienen, und die Möglichkeit, Steuern und Abgaben zu leisten. Bleibt das Arbeitsvolumen schwach, kann höchstens eine Verteilungspolitik, wie sie im Zuge der Agenda 2010 betrieben wurde, oder eine sinkende oder weniger stark steigende Anzahl von Erwerbspersonen Abhilfe bei der Arbeitslosigkeit schaffen. Zusammen mit der durchschnittlichen realen Produktivität pro Arbeitsstunde bestimmt die Menge der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden die reale wirtschaftliche Wertschöpfung, also das bekannte reale BIP und seine Zuwachsraten. Logisch, denn Leistung hängt immer von der Leistung pro Zeiteinheit multipliziert mit der insgesamt aufgewendeten Zeit ab.

Genau über diesen zuletzt genannt Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Wertschöpfung und dem Arbeitsvolumen möchte ich nun mit der Hilfe des Anteils des deutschen Exports an der BIP-Wertschöpfung versuchen herauszustellen, wie schwerwiegend Lohzurückhaltung für den Binnenmarkt ist. Steigt nämlich der Anteil des Exports an der Wertschöpfung, steigt in einem sehr ähnlichen Maße der Anteil des Arbeitsvolumens, der am Export hängt. Das wird dadurch deutlich, dass auch die Exportabhängigkeit der Erwerbstätigen sehr stark mit der Wertschöpfung am BIP verknüpft ist1. Wenn sich das gesamte Arbeitsvolumen kaum ändert, aber der Exportanteil am BIP steigt, muss also der Anteil des Arbeitsvolumens, der durch deutsche Unternehmen – unabhängig von der ausländischen Nachfrage nach unseren Gütern – bereitgestellt wurde, fallen. Da mir nur begrenzte Datenmengen mit einer teilweise eingeschränkten Aussagekraft für den gewählten Zeitraum vorlagen, musste ich die Wertschöpfung durch den Export oftmals schätzen2. Dementsprechend liefert die folgende Grafik keinen detailgetreuen Verlauf, aber aufgrund der vorhandenen Eckdaten immer noch einen aussagefähigen Trend.

Arbeitsvolumen DE & FR

Es zeigt sich, dass die deutschen Arbeitgeber ohne die direkten oder indirekten Vorteile des Exports massiv weniger Arbeitsstunden angeboten haben, als es in Frankreich der Fall gewesen ist. In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, sich noch einmal die Statistik zur kumulierten deutschen Lohnzurückhaltung anzuschauen. Dabei fällt auf, dass in den Jahren, in denen es keine oder nur eine schwache Lohnzurückhaltung gab (1998, 1999, 2008, 2009), der Binnenmarkt relativ stabil blieb. Seit 2009 hat sich die Entwicklung auf dem Binnenmarkt stabilisert, während auch die Lohnzurückhaltung rückläufig war und 2013 sogar weiter abgebaut wurde. In den Jahren kräftiger Lohnzurückhaltung war der Binnenmarkt jedoch ständig im Abwärtstrend. Frankreich, das keine Lohnzurückhaltung betrieb und hinsichtlich vieler wirtschaftlicher und sozialstaatlicher Kennzahlen Deutschland sehr ähnlich ist, macht eine viel bessere Figur. Natürlich muss man auch andere Effekte auf die Binnenkonjunktur berücksichtigen (überwiegend Kreditverschuldung, Bruttosparquote und Staatsausgaben), aber da die konsumierbaren Einkommen der Privathaushalte die mit Abstand größte Komponente sind und der zweite wichtige Faktor der Staatsverschuldung bis vor der Finanzkrise ähnlich wie in Deutschland verlief, wird die Lohnmoderation einen entscheidenden Anteil an der Schwäche haben. Daher ist es kein Wunder, dass Deutschland nach der Finanzkrise eine deutlich besser Entwicklung als viele andere Nationen hinlegen konnte. Bei der schwachen Produktivitätsentwicklung und einer niedrigen Preisentwicklung importierter Güter reichten auch moderate Lohnabschlüsse aus, um den privaten Konsum etwas anzuschieben und ihn mit der guten Exportdynamik zu verbinden. Dies könnte sich wieder ändern, wenn die Produktivität zukünftig wieder stärker steigen wird und vor allem Rohstoffe teurer importiert werden müssen. Die Lohnzurückhaltung könnte dann erneut zunehmen.

Das sollte allerdings vermieden werden, denn die Investitionen in Deutschland, die sich im langfristigen Trend sehr schwach entwickelt haben, sind auf einen positiven Impuls unbedingt angewiesen. Bedenkt man, dass der Export die Investitionstätigkeit kräftig stimuliert hat, kann man anhand der folgenden Grafik leicht erkennen, dass die Investitionstätigkeit aus inländischen Antrieb in einem unbeschreiblichen Ausmaß eingebrochen ist. Ein Report des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung ging auf diese Schwächen detailliert ein und konstatiert gleichfalls einen Mangel an der allgemeinen Güternachfrage, der den Unternehmen keine ausreichenden Impulse für Investitionen gibt.

Investitionsquote DE & FR

Es ist gerade deshalb wichtig zu wissen, wie Lohnzurückhaltung in einem Wirtschaftsraum ohne den Ausgleich des Exportvorteils funktioniert, weil schließlich die Welt als Ganzes nicht exportieren kann. Möchte man weltwirtschaftlich eine nachhaltige Wirtschaftspolitik betreiben, muss jedes Land wissen, wie es seine Binnenkonjunktur beeinflusst, damit sich die Staaten nicht in einem Handelskrieg gegenseitig Arbeit streitig machen müssen, sondern alle zusammen mehr Arbeit generieren können. Mit einer neoklassischen Lohnzurückhaltung geht das nicht, denn sie kann nur über relative Preisvorteile gegenüber dem Ausland wirken, während die Anreize für heimische Unternehmen unabhängig vom Ausland Arbeit zu schaffen spürbar sinken.

Weitere internationale Beispiele

Sollte der ein oder andere Anhänger der neoklassischen ökonomischen Theorie nun sehr überrascht sein, dass relativ schwache Löhne keine positiven, sondern offenbar deutlich negative Signale für den Anreiz der Unternehmen, Arbeitsstunden zu schaffen, aussenden, so ist man nun vielleicht immer noch nicht ganz überzeugt, denn es könnten eventuell doch noch ganz besondere Effekte vorliegen, die den Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich erklären können. Wem die Performance der 4. (Deutschland) und 5. (Frankreich) größten Volkswirtschaften nicht reichen, der sollte sich daher noch ein paar weitere größere Staaten anschauen, um den Sachverhalt mit der Lohnzurückhaltung zu überprüfen. Dafür habe ich die USA, Japan und Kanada gewählt, da sie 3 große und wirtschaftlich mit Deutschland vergleichbare Volkswirtschaften verkörpern. Wieder habe ich über das Arbeitsvolumen und die Exportquoten eine binnenwirtschaftliche Dynamik geschätzt3.

Arbeitsvolumen US, JP & CA

Kumulierte Lohnzurückhaltung US, JP & CA (2)

Der Zusammenhang zwischen einer schwachen Beteiligung der Lohnempfänger an den gesamtwirtschaftlichen Einnahmezuwächsen und einer schlechten Arbeitsmarktdynamik scheint sich sehr deutlich zu bestätigen. Kanada, das seinen Bürgern tatsächlich stärkere Lohnzuwächse zukommen ließ, als es der Produktivitätsspielraum zugelassen hätte, schneidet sogar eindeutig am besten ab. Selbst, wenn man noch einen Blick auf die Sparquoten der privaten Haushalte und die Entwicklung der Staatsschulden wirft, so lindern diese im Fall Japans sogar noch eindeutig die Konsumschwäche der privaten Haushalte. Die USA und Kanada profitieren zudem auch noch von einer sehr starken Zuwanderung (siehe USA und Kanada), die den privaten Konsum mit aus dem Ausland eingeführten Ersparnissen zusätzlich stützt. Diesen Faktor müsste man für einen genauen Vergleich der jeweiligen Lohnwirkung noch herausrechnen4. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde dann der negative Beschäftigungseffekt der schwachen us-amerikanischen Einkommensentwicklung deutlicher werden. Bei großen und/oder geografisch isolierten Wirtschaften mit einer niedrigen Exportquote wie den USA und Japan muss zudem berücksichtigt werden, dass der Effekt steigender Exportvorteile infolge einer Lohnzurückhaltung besonders schwach ist5. Kleinere und wirtschaftlich stark verflochtene Länder wie die beispielsweise die Niederlande oder Irland könnten stattdessen schwache binnenländische Beschäftigungseffekte leichter durch stärkere Exportvorteile ausgleichen.

Warum wirkt Lohnzurückhaltung negativ?

Dafür gibt es mehrere Gründe.

  1. Ein wichtiger Grund ist, dass die Löhne eines Unternehmens die Einnahmen anderer Unternehmen sind, so dass die Wirtschaft in der Hinsicht nichts gewinnt. Zwar könnte ein einzelnes Unternehmen über Wettbewerbsvorteile durch niedrige Löhne anderen Marktanteile streitig machen, da durch wirtschaftspolitische Instrumente eines Staates jedoch alle Unternehmen dieses Landes ihre Einkommen drücken können (und solche Unternehmer, die es nicht tun wollen, unter Druck gesetzt werden), können sie sich gegenseitig keine Marktanteile wegnehmen. Vor diesem Hintergrund sind Gewerkschaften und Flächentarifverträge sehr sinnvoll, damit der einzelne Unternehmer überhaupt nicht erst auf die Idee kommt, einen Wettbewerb über Lohndumping anzufangen.
  2. Ein Unternehmen stellt Beschäftigte in der Regel dann ein, wenn es eine Arbeitskraft benötigt. Diese braucht es eigentlich immer nur dann, wenn es die Leistung dieser Arbeitskraft an einen Kunden weitergeben kann. Da die Arbeitskraft und vor allem die vielen Vorleistungen anderer Unternehmen teuer sind, würde es sich nämlich stark verschulden, wenn es diese Kosten nicht an einen Kunden weitergeben kann. Der Absatz oder Absatzerwartungen steigen jedoch nicht, wenn das Einkommen der eigenen Beschäftigten schwächer steigt. Unternehmen werden vorsichtshalber, wenn sie die niedrigen Löhne in Form von schwächeren Preisen weitergeben, abwarten, wie ihre Kunden auf den Preis reagieren. In der Zeit des Wartens hat jedoch auch schon der schwache Nachfrageffekt des niedrigen Lohnes gewirkt, so dass gesamtwirtschaflich nichts gewonnen wurde und die Unternehmer in der Summe ab da an mit keinem höheren Absatz mehr rechnen können. Ohne zusätzliche Nachfrage oder die Erwartung, zusätzliche Güter durch eine besondere Investition/Innovation absetzen zu können, wird ein Unternehmen auf unnötige Kosten, also überflüssige Beschäftigung und Vorleistungen, verzichten. Da die eingestellten Beschäftigten ihr Einkommen in der Regel nicht für die Güter des eigenen Arbeitgebers ausgeben, trifft auch der häufig genannte Spruch „Jedes Angebot schafft seine eigene Nachfrage“ für den einzelnen Arbeitsplätze schaffenden Betrieb nur sehr bedingt zu. Einfach mehr vom gleichen Angebot zu produzieren, wird die Nachfrage nach Gütern eines Betriebes nicht erhöhen. Dieser berühmte Satz würde nur dann gelten, wenn es sich bei dem Angebot um eine Marktinnovation handelt, die anderen Unternehmen Marktanteile abnehmen kann, so dass in diesem Fall tatsächlich Absatzerwartungen vorliegen. Niedrige Löhne animieren jedoch nicht zu Innovationen und daher nicht zu einem höheren Angebot. Aus einem ähnlichen Grund können höhere Löhne, wenn sie möglichst flächendeckend erhöht werden, übrigens auch keine Beschäftigung vernichten, denn Unternehmen werden niemanden entlassen, bevor sie sich sicher sind, dass sie ihren alten Absatz nach einer Preiserhöhung nicht aufrechterhalten können. Da die Unternehmen wieder abwarten und die Konsumenten mit ihren höheren Löhnen höhere Preise zahlen können, werden gesamtwirtschaftlich nicht weniger Personen beschäftigt. Dies ist auch ein wichtiger Grund dafür, dass Mindestlöhne gesamtwirtschaftlich keine Arbeit vernichten6.
  3. Die negative Wirkung der Lohnzurückhaltung hat einerseits mit der Sparquote der Beschäftigten zu tun, die in der Regel ein verhältnismäßig kleineres Einkommen haben. Wer wenig Geld hat, der spart auch weniger. Wird weniger gespart, dann müssen die Banken mehr Geld bei der Kreditvergabe schöpfen, was den Wirtschaftskreislauf anregt. Noch gravierender ist dieser „Kaufkraft“-Effekt, wenn die Unternehmen (vor allem größere) den Arbeitnehmern ihre Einnahmen entziehen. Erhöhen die Unternehmen aufgrund niedrigerer Löhne ihre Gewinne oder ihren Anteil an den gesamtwirtschaftlichen Einnahmen, so dass die Preise aber nicht sinken, schwächt sich die reale Kaufkraft der Konsumenten (siehe hier). Die Unternehmen werden ihre Gewinne bei niedrigeren Absätzen nicht reinvestieren und die Beschäftigung wird sinken, insofern es keinen Ausgleichsimpuls vom Export oder anderen Konjunkturimpulsen gibt. Vor allem bei rabiaten Lohnsenkungen (siehe Südeuropa) tritt dieser Effekt auf, da Unternehmen kurzfristig lieber ihre Gewinnmargen erhöhen anstatt Preise zu senken, weil sie die Wirkung von Preissenkungen schlecht einschätzen können. Hier bestimmt allerdings auch die Stärke des unternehmerischen Wettbewerbs, wie schnell niedrige Lohnkosten über die Preise widergegeben werden. Man muss sich merken, dass Unternehmen eben keine freiwilligen Endverbraucher sind, so wie es auf private aber auch staatliche Konsumenten zufrifft. Deshalb müssen sie ihre Einnahmen an kaufkräftige Endverbraucher weitergeben, um sie sich wieder erarbeiten zu können.
  4. Wenn ein Land im Vergleich zu seinem Umland nur einen niedrigen Anstieg seiner Lohnstückkosten verzeichnet, steigen die eigenen Einkommen kaum, die Importpreise infolge der kräftigen ausländischen Lohnerhöhungen sind jedoch hoch. So muss man einen immer höheren Anteil seines Gehalts für den selben realen Anteil ausländischer Güter am eigenen Konsum berappen. Zwar gibt es nach und nach auch Ausweicheffekte auf eigene Güter, aber viele Importgüter, die wir direkt konsumieren oder die unsere Produktion benötigt (wie vor allem Rohstoffe), kann man mittelfristig nicht substituieren, wenn sie teurer werden. Auch Güter aus dem eigenen Land, auf die wir ausweichen könnten, sind von teuren ausländischen Vorleistungen betroffen. So bleibt etwas weniger Geld übrig, das der eigenen Wertschöpfung dienen kann. Sind die eigenen Einkommenssteigerungen höher als im Ausland, dann kehrt sich dieser Effekt um.
  5. Je niedriger die Lohnquote ist, desto niedriger ist der Anreiz zu investieren (also vorzeitig mehr Geld auszugeben), um Kosten zu sparen. Zwar kann die Lohnquote in einem Land mit einigermaßen funktionierendem Wettbewerb nur begrenzt sinken, wenn die Unternehmen durch den Konkurrenzdruck irgendwann auf ihre Gewinne zu Gunsten von Preissenkungen verzichten müssen, aber gewisse Unterschiede in der Lohnquote sind trotzdem möglich. Da es einen engen Zusammenhang zwischen Investitionen und steigender Beschäftigung gibt, und der technologische Fortschritt nicht für einen gesamtwirtschaftlichen Abbau von Beschäftigung verantwortlich ist7, ist es sinnvoll, Unternehmen über eine verhältnismäßig kräftige Lohnhöhe zu Investitionen zu animieren. Geben Unternehmen die Vorteile aus Investitionen nicht über ihre Preise weiter, verzichten auf eine Beteiligung ihrer Beschäftigten oder auf Reinvestitionen, dann hat das nichts mit dem technischen Fortschritt, sondern mit den Machtverhältnissen in der Wirtschaft8 und ihren Folgen zu tun, die dann zu den Effekten führen, die unter Punkt 3 aufgeführt wurden.

Ein Signal für Einkommenssteigerungen ohne Ende?

Ausgewogene Einkommenssteigerungen sind also absolut sinnvoll und angemessen für die Binnennachfrage. Allerdings wurde im Zusammenhang mit Deutschlands Lohndumping deutlich, dass es immer auch Wettbewerbseffekte gegenüber dem Ausland gibt. Ist man in einer Situation wie Deutschland, so kann man bedenkenlos seine Einkommen erhöhen. Wenn Deutschland seine kumulierte Lohnzurückhaltung abbaut, sollten sehr positive Effekte für die eigene Wertschöpfung entstehen, ohne dass Deutschland heftige Wettbewerbsnachteile erleidet. Schließlich ist die Leistungsbilanz Deutschands immer noch positiv, obwohl die Krisenmaßnahmen Südeuropas Deutschlands Exportchancen deutlich reduziert haben. Es reicht absolut aus, wenn man ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht ansteuert, damit man selbst seine eigene Wertschöpfung „verfrühstücken“ kann und nicht Gefahr läuft, dass aufsummierte Leistungsbilanzüberschüsse und Auslandsvermögen im Zuge einer internationalen Schulden-, Währungs- oder/und Wirtschaftskrise verlorengehen.

Führen die Lohnsteigerungen einer Volkswirtschaft jedoch zu systematisch höheren Preisen gegenüber dem Ausland, ohne dass eine Währung diesen Preisnachteil ausgleichen kann9, muss ich damit rechnen, dass die in der eigenen Volkswirtschaft verdienten Einkommen zunehmend für ausländische Güter ausgegeben werden, während gleichzeitig nicht mehr genügend Einnahmen aus dem Ausland mit den zu teuren Gütern verdient werden können. Rutscht ein Staat so in ein großes Leistungsbilanzdefizit, müssen alle Wirtschaftseinheiten dieses Landes zusammengenommen im Durchschnitt eine negative Sparquote haben. Wächst die Wirtschaft relativ schnell, dann kann man diese Auslandschulden mit einem höheren Einkommen noch einigermaßen verkraften. Ist die Verschuldung jedoch deutlich stärker als das Wachstum, wirkt es als Hemmnis für die Wirtschaft, da früher oder später ein Punkt erreicht ist, an dem die Unternehmen und Banken keine Schulden mehr tragen können/möchten. Diese Situation sollte ein Land vermeiden, vor allem dann, wenn es sich innerhalb einer Währungsunion befindet.

Langfristig niedrige Löhne schwächen den Binnenmarkt und setzen andere Länder unter einen Wettbewerbsdruck, der von ihnen ebenso eine gefährliche Lohnzurückhaltung erzwingt, so dass viele Staaten schnell in einen äußert gefährlichen Abwärtssog geraten können. Aber auch andauernd sehr hohe Lohnsteigerungen sind leider keine Lösung. Das hat auch damit zu tun, dass man schließlich real nur das verteilen kann, was die Produktivität der Wirtschaft hergibt. Insofern es ein gewisses Maß an Einkommensunterschieden geben soll, um unterschiedliche Qualifikationen und unternehmerische Leistungen zu belohnen (was in seiner Höhe natürlich subjektiv gesehen werden kann), können die Löhne keinen zu hohen Anteil an der wirtschaftlichen Wertschöpfung einnehmen, so dass nominale Lohnerhöhungen nur zu immer höheren Preisen führen würden, an die sich auch die Unternehmer anpassen würden. Am sinnvollsten sind Einkommnssteigerungen, die die Arbeitnehmer fair am realen Produktivitätsfortschritt beteiligen und keine andauernden außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte hervorbringen. Dafür sollte man sich mit seinen Nachbarn auf eine verlässliche Zielinflation einigen, die durch entsprechend hohe Lohnstückkostensteigerungen von allen Ländern erreicht werden sollte, und ein verlässliches Weltwährungssystem einführen, das Wettbewerbsfähigkeitsdifferenzen im Zweifelsfall ausgleichen kann.

  1. Dass die Abhängigkeit der Erwerbstätigen etwas kleiner als die BIP-Abhängigkeit ist, dürfte in einem hohen Maße darauf zurückzuführen sein, dass hinter dem Export verstärkt Industrien stehen, die weniger Teilzeitbeschäftigte (z. B. „Wer sind die geringfügig Beschäftigten?“ – Seite 16) haben und ihre Arbeit damit auf weniger Köpfe verteilen. Die Abhängigkeit des Arbeitsvolumens vom Export dürfte daher in einem noch engeren Verhältnis mit dem Exportanteil an der BIP-Wertschöpfung stehen []
  2. Ich konnte für die deutsche Exportabhängigkeit bis auf die verlinkten 3 Jahre keine genauen Daten finden, sondern nur Kennzahlen für den Handel ohne Dienstleistungen und deren Abhängigkeit von ausländischen Gütern für die Jahre 1995 – 2006 (Seite 8 – 11). Mit diesen Daten und den Exportquoten der Ameco-Datenbank war es mir für die meisten Jahre ungefähr möglich herauszufinden, wie hoch die Bruttoexporte waren und ein wie großer Anteil am Bruttoexport zuvor aus dem Ausland importiert wurde, so dass ich darüber den Anteil des Exports an der BIP-Wertschöpfung gut schätzen konnte: Exportquote *(1 – Anteilsfaktor der Importe an den Bruttoexporten). Je nach Jahr schwankt der Anteil der ausländischen Wertschöpfung am deutschen Bruttoexport, nimmt aber tendenziell im Laufe der Zeit von 30% (1995) auf 45% (2011-2013) deutlich zu. Dies geschah vermutlich nur bedingt deshalb, weil die Produktion besonders mehr Vorleistungen bezog, sondern weil viele ausländische Waren infolge der Öffnung Osteuropas durch Deutschland hindurch gehandelt wurden (Seite 8 – 9). Für Frankreich lagen mir leider keine genauen Daten für den Importanteil an den Exporten vor, so dass ich wegen der niedrigeren französischen Exportquote ab den 2000ern und der größeren Entfernung zum ehemaligen Ostblock davon ausgegangen bin, dass der Importanteil an den Bruttoexporten in den 90ern dem deutschen ähnelt, aber ab den 2000ern immer ein kleines bisschen unter dem deutschen liegt, was die BIP-Wirkung der französischen Exportquote vor allem ab Mitte der 2000er im Vergleich zur deutschen natürlich etwas erhöht. Selbst wenn ich den Anteil des Exports an der französischen BIP-Wertschöpfung nicht ganz korrekt geschätzt haben sollte, würde sich, da die Exportquote Frankreichs relativ konstant bleibt, grafisch kein großartig anderer Verlauf für den französischen Binnenmarkt ergeben. []
  3. Dabei bin ich pauschal von 30% Importanteilen an den Exporten ausgegangen, da ich keine Daten zu diesem Kriterium finden konnte und vor allem Japan und die USA sehr große wenig vernetzte Volkswirtschaften sind. Für Kanada könnte es größere Abweichungen bei der Binnenmarktschätzung geben, da die Exportquote relativ hoch ist. Für Japan und die USA würden Abweichungen bei der Schätzung der Importanteile keinen großen Einfluss haben, da ihre Exportquoten zu niedrig sind, um die gesamten Arbeitsstunden gegenüber den geschätzten binnenländisch angeregten stark abweichen zu lassen []
  4. Da ich den Effekt nicht realistisch berechnen kann, kann ich leider keine vernünftigen Angaben dazu machen []
  5. Die Entfernung zum Ausland, die mit hohen Transportkosten verbunden ist, und die allgemein viel stärkere Abhängigkeit der eigenen Unternehmen von der eigenen großen Binnenwirtschaft sind hier maßgebend []
  6. Im Zusammenhang mit Mindestlöhnen muss noch angemerkt werden, dass viele Beschäftigte nur deshalb ein niedriges Gehalt verdienen, weil fast alle Arbeitslosen eine Arbeit erledigen können, für die man keine besondere Qualifikation benötigt. Dementsprechend haben diese Personen eine schlechte Verhandlungsposition und akzeptieren niedrige Löhne, um sich gegenüber Mitbewerbern durchzusetzen. Eine angebliche Produktivität der Beschäftigten hat mit der Lohnhöhe sehr wenig zu tun. Bei Personen mit exakt gleichen Tätigkeiten  (wobei die Qualifikation und der Lohn dann wiederum keine Rolle spielen würden) könnte man eine Produktivität unter Umständen messen, aber nicht bei Personen mit vollkommen unterschiedlichen Tätigkeiten. Nur weil eine Arbeit von vielen gemacht werden kann, heist das nicht, dass man auf sie verzichten kann, denn sie ist zumeist ein wichtiger Bestandteil des gesamtwirtschaftlichen Endprodukts, den höher bezahlte Personen erledigen müssten, wenn es niemand für einen niedrigen Lohn tun würde. Das einfache Aufgaben notwendig sind, erkennt man auch an dem Berufsalltag von sehr gut ausgebildeten Personen, denn auch sie müssen viele sehr einfache Tätigkeiten erledigen, die sie nicht an andere abtreten können. Ein Mindestlohn vernichtet daher gesamtwirtschaftlich keine Arbeit (Ausweicheffekte aufgrund von folgenden Preiserhöhungen auf andere Güter können möglicherweise zu einer Verschiebung von Arbeit zwischen Branchen und Betrieben beitragen), sondern behebt nur den Nachteil der schlechten Verhandlungsposition. []
  7. Erzielte Kostenvorteile durch eine Rationalisierung von Arbeit werden in der Regel zu Preissenkungen (mit der Folge, dass Konsumenten real mehr verdienen und bei anderen Unternehmen mehr Güter kaufen können) oder neuen unternehmerischen Ausgaben bei anderen Betrieben führen, so dass einzelwirtschaftlich zwar weniger Arbeiter für bestimmte Wirtschaftsprozesse oder in einem einzelnen Unternehmen nötig sind, aber gesamtwirtschaftlich in anderen Unternehmen neue Wirtschaftsprozesse entstehen, die verlorene Arbeitsplätze ersetzen. Dieses makroökonomische Phänomen verdeutlicht sich mit einem Blick auf die Wirtschaftswunderjahre zwischen 1950 und 1970. In dieser Zeit stieg die Produktivität viel stärker als in den letzten Jahrzehnten, obwohl die Arbeitslosenquote sank oder stabil war. []
  8. Schwacher Wettbewerb zwischen Unternehmen und/oder hohe Arbeitslosigkeit verbunden mit hohem Wettbewerb zwischen Bewerbern, der die Verhandlungsposition von Arbeitnehmern schwächt. []
  9. Das ist sehr oft auf Preisunterschiede innerhalb einer Währungsgemeinschaft (siehe Euro), ein fehlendes Weltwährungssystem, fixe Wechselkurse gegenüber Währungen, die deutlich weniger stark inflationieren, und spekulative Verzerrungen von Währungswechselkursen durch Finanzmärkte zurückzuführen []

Jochen Schölermann

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