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No 548

“Noch erschreckender ist folgende Aussage des IPCC-Reports: Selbst wenn die einzelnen Länder ihre Zusagen erfüllen würden, wäre damit bis 2030 nur eine Reduktion der CO2-Emissionen um 1 Prozent (gegenüber dem Niveau von 2010) zu erzielen. Um das Worst-Case-Szenario eines überhitzten Planeten zu verhindern, müssten die Emissionen jedoch um fast 50 Prozent reduziert werden, und das innerhalb der nächsten neun Jahre. Auf einen derart dramatischen Einschnitt arbeiten nur ganz wenige Länder hin.
Dabei ist die Zeit für bescheidene Reformen längst abgelaufen. Eine radikale Kürzung der Emissionen ist nicht zu schaffen, indem man Plastiktrinkhalme verbietet, die Produktion von Elektroautos hochfährt oder auch eine Milliarde Bäume pflanzt. Der Kampf gegen den Klimawandel verlangt eine Transformation, die mit den agrarischen und industriellen Revolutionen vergleichbar ist. Aber wenn es genauso läuft wie bei diesen früheren Systemwechseln, wird der nächste >>Sprung nach vorn<< ein riesiges Heer von Verlierern hinterlassen.
Damit es nicht dazu kommt, wurden verschiedene Vorschläge für eine >>gerechte Transforma­tion<< ausgearbeitet, die bislang allerdings nur auf dem Papier stehen. Zum Beispiel das Konzept einer >>fairen Lastenverteilung<<, bei dem die Industrienationen Billionen Dollar an den Globalen Süden transferieren müssten, um den armen Ländern zu helfen, ihre fossilen Brennstoffe im Boden zu lassen und auf erneuerbare Energien umzusteigen. Ein ähnlicher Ansatz sieht vor, innerhalb der einzelnen Länder die >>Tranforma­tions­verlierer<< – wie etwa die Beschäftigten im Kohlebergbau – gezielt zu unterstützen, um ihnen eine >>grüne<< Perspektive zu eröffnen.
Allerdings stehen solche Konzepte im Gegensatz zur herrschenden politischen Praxis. So hat die internationale Gemeinschaft bei ihrer Reak­tion auf die Pandemie keineswegs eine >>faire Lastenverteilung<< praktiziert. Vielmehr haben die reichsten Länder den Markt für Impfstoffe monopolisiert und die ärmeren Länder mit dürftigen Rationen abgespeist.”

(John Feffer, Politikwissenschaftler und Autor – Klimapolitik im Zeitalter der Milliardäre, Le Monde diplomatique, 11.11.2021)

Jascha Jaworski

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