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Der Terror in Paris und die gefährliche Standarderzählung

Die Attentate von Paris sind äußerst grausam, daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen. Sie sind jenseits dessen, was jemals irgendeinem Menschen widerfahren darf. Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen auf der Welt ebenso empfinden.

Wenn man sich dem anschließt, gibt es jedoch viel worüber geredet werden muss. Derartige Grausamkeiten sind nämlich in manchen Teilen dieser Welt alles andere als eine erschütternde Ausnahmeerscheinung. Angst, Schrecken und Demütigung, die Gewissheit die Familie oder Freunde auf schreckliche und absichtliche Weise verloren zu haben und nicht zu wissen warum. Diese Unmenschlichkeiten jedoch entstehen nicht aus dem Nichts heraus und zu ihren Trägern gehören nicht allein islamistische Kämpfer (wobei noch immer nicht erwiesen ist, ob die Attentate auf die Autoren des Satiremagazins überhaupt einen islamistischen Hintergrund hatten). Politisch Verantwortliche aus vielen Ländern leisteten und leisten auf vielen Ebenen ihren Beitrag. Halten wir uns jedoch zunächst die Standarderzählung vor Augen, die besonders in den westlichen Ländern verbreitet wurde (hierbei handelt es sich lediglich um eine kleine Abwandlung der Prinzipien der Kriegspropaganda, wie sie die Historikerin Anne Morelli basierend auf Arthur Ponsonby ausgeführt hat):

– “Wir gemeinsam sind die Opfer der Gewalt, dabei wollen wir doch nur Frieden.”

– “Sie sind Verrückte und Barbaren.”

– “Sie hassen unsere Demokratie, unsere Werte und unsere Freiheit.” (Außenminister Steinmeier auf dem Trauermarsch in Paris, Zitat: “Sie richteten sich gegen unsere Demokratien, unsere Werte und unsere offenen Gesellschaften.”)

– “Sie greifen uns an, wir hingegen wehren uns.”

– “Sie kämpfen mit grausamen und unmenschlichen Mitteln, wir hingegen verteidigen uns mit Augenmaß.”

– “Sie bringen Unschuldige um, wir hingegen würden so etwas niemals dulden.”

– “Wir haben nichts mit dem Terrorismus zu tun.”

– “Wir würden niemals mit Terroristen kooperieren.”

Stimmt diese Erzählung? Nein, sie stimmt nicht, doch viele glauben an sie, was zur Vertiefung der Grausamkeiten führt. Zunächst sollte man sich von der Welteinteilung des “wir” und “sie” lösen, die leichtfertig komplexe Macht- und Gewaltverhältnisse auf die Beziehung zweier Seiten reduziert. Das “wir” überdeckt Verantwortlichkeiten und unterschiedliche Betroffenheiten, auch wenn es kein “wir im Westen” oder “wir Christen” sein soll, sondern ein “wir, die wir gegen den Terrorismus und für Frieden und Freiheit sind”. Es ermöglicht die Verdeckung der Terrorismus herbeiführenden Rolle, die viele eingenommen haben, die nun Unterschlupf in diesem “wir” gefunden haben. Das “sie” ermöglicht die schädliche Abschiebung aller Verantwortung.

Ja, es gibt viele Terroristen und sie sind stolz auf ihre Taten, und sie zögern nicht, jeden in den Tod zu reißen, solange es ihrer Sache dient. Aber sie sind – auch wenn viele es nicht hören mögen, weil sie Erklärungen mit Entschuldigungen verwechseln – nicht als Terroristen auf die Welt gekommen. Ebenso wenig gibt es “den Terroristen”. Es gibt Menschen, die zum Träger des Terrorismus oder auch “nur” zum Dulder werden können, dazu jedoch gehören Vorbedingungen, und zu diesen gehört nicht allein, dass man mit extremistischen religiösen oder auch nationalistischen Ideen irgendwie “aufgeladen” wird.

Und es sollte auch hinreichend bekannt sein, dass “der Westen” (v.a. politische Verantwortungsträger) Terrorismus als Mittel keinesfalls ablehnt. Einige lehnen ihn in seiner nicht-staatlichen Variante1 nur solange ab, wie er nicht ihrer Sache dient. Dies machte etwa der Aufbau des Dschihadismus 1979 v.a. durch die USA in Afghanistan deutlich, an dem auch Deutschland beteiligt war, wie das Portal German Foreign Policy es darlegt:

“Der Krieg kehrt heim (II)” (German Foreign Policy, 12.1.2015)

Siehe dazu auch noch einmal:

“Afghanistan, the CIA, bin Laden, and the Taliban” (Phil Gasper, International Socialist Review, 2001)

Zur Rolle mancher NATO-Staaten beim Aufbau des Terrorismus in Syrien, aus dem der IS, dessen Territorium sich heute über Syrien und den Irak erstreckt, sich in erheblicher Weise rekrutiert haben dürfte, siehe erneut Monitor aus dem August 2014:

“Syrien: Die deutsche Verantwortung” (Monitor, 29.8.2014)

Neben der direkten Aufbauhilfe des Terrorismus, die aus westlichen Staaten heraus geleistet wurde, darf man jedoch niemals aus den Augen verlieren, wie Extremismus zustande kommt. Eine passende Weltanschauung gehört natürlich dazu, ob es sich nun um Islamismus, einen fundamentalistischen christlichen Glauben oder einen fundamentalistischen Nationalismus etc. handelt, die geistige Infrastruktur des Terrorismus lebt jedoch davon, dass eine Atmosphäre von Gewalt, Demütigung und Unterdrückung geschaffen wird.2 Um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie so etwas aussehen kann, sei daher noch einmal auf die Arbeit des investigativen Journalisten Jeremy Scahill verwiesen, dessen Buch zu den “schmutzigen Kriegen” in einer Dokumentation umgesetzt wurde, Zitat:

“Vor unseren Augen werden inoffizielle Kriege angezettelt, überall auf der Welt werden Ausländer und Amerikaner gleichermaßen per Dekret des Präsidenten ermordet. Der Krieg gegen Terror verwandelt sich in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Kann solch ein Krieg jemals enden? Und was geschieht mit uns, wenn wir endlich sehen, was direkt vor unseren Augen verborgen war?”

(Jeremy Scahill, “Dirty Wars – Schmutzige Kriege“, Dokumentation von 2013)

Zur weiteren grausamen Gewalt, die Terrorismus den Boden bereitet hat, siehe auch:

“How Many Muslim Countries Has the U.S. Bombed Or Occupied Since 1980?” (Glenn Greenwald, The Intercept, 6.11.2014)

Ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass es nicht darum geht, Grausamkeiten zu entschuldigen. Zudem geht es nicht darum, menschliche Opfer “gegeneinander aufzurechnen”. Wer aber Unmenschlichkeiten und Grausamkeiten verhindern will, muss ihre Bedingungen verstehen, die Ursachen und Begünstigungsfaktoren ihrer Existenz3 und die eigene Verantwortlichkeit durch Mitwirkung oder auch nur Duldung. Erst durch eine derartige Auseinandersetzung in der öffentlichen Debatte und auf hoher politischer Ebene wäre allen betroffenen Menschen auf der Welt gedient. (Ganz abgesehen jedoch von jenen Leuten, die bestimmte Machtverhältnisse aufrecht erhalten wollen oder sich über glänzende Profite freuen, die sie aus der Herstellung der Leidverursachungsgerätschaft ziehen.)

Was aber droht nun wieder im “Westen” zu geschehen? Obwohl für die Menschen in Frankreich und anderen Ländern bisher v.a. die Trauer und Solidarität mit den Angehörigen im Vordergrund steht, ohne dass sich breiter Hass andeutet, ist dies dennoch wieder die Stunde jener, die stets mit dem Hammer auf Gefahren schlagen, auch wenn es sich bei diesen bekanntermaßen um keinen Festkörper, sondern eher ein vergiftetes Luftgemisch handelt, das die Welt erfüllt, und an dessen Herstellung diejenigen, die den Hammer fordern, allzu häufig selbst beteiligt waren.

In diesem ganzen von Gewalt, Unmenschlichkeit, religiösem Fundamentalismus, Nationalismus, Krieg, Verantwortungsverweigerung, Verlogenheit, Propaganda und Heuchelei durchsetzten Komplex sollte es meiner Ansicht nach Aufgabe aller friedensmotivierten und menschenrechtsorientierten Kräfte sein, die Dinge ordnen zu helfen und einen Beitrag dazu zu leisten, dass allen Menschen ein klarerer Blick auf den Komplex eröffnet wird.

 

  1. zur staatlichen siehe z.B. die “Strategie der Spannung” []
  2. siehe dazu auch die sog. Terror-Management-Theory: “Mortality Salience, Martyrdom, and Military Might: The Great Satan Versus the Axis of Evil”, http://www.leftforum.org/sites/default/files/panel_documents/greatsatanversustheaxisofevil.pdf []
  3. Al Qaeda etwa gibt ein eigenes Rekrutierungsmagazin heraus, in dem die Terrororganisation nicht nur junge Menschen davon zu überzeugen versucht, wie unerträglich ungläubig die Ungläubigen sind, sondern auch, welche Grausamkeiten sie gegen muslimische Menschen begangen haben und begehen. Siehe hierzu etwa einen Artikel auf The Intercept, der auf dieses Magazin zu sprechen kommt. []

Jascha Jaworski

2 Kommentare

  1. Danke für diese Artikel -es tut gut sowas zu lesen, wenn man von Frankreich momentan nur solche Blödsinn wie ” wir sind die Republik -wir sind die Freiheit – wir sind die Demokratie” hört! Und die 10.000 Soldaten die jetzt ab morgen Abend überall umgesetzt werden… Die “Einigkeit” der franzosen und das Vergessen anderer Probleme -die Politik in Europa! Also, nochmal danke. Wenn du mich erlaubst, würde ich diese text sogar auf französich übersetzen und auf -na ja, facebook posten ( man macht mit was man hat).

  2. Danke für Deinen Artikel. Die Welt ist nicht schwarz weiß, es gibt nicht die Guten und die Bösen. Aber die Leute wollen es einfach und damit lassen sich viel Probleme verbergen. Denkt denn keine und keiner mehr an die Veröffentlichungen der Grausamkeiten der CIA? Ich denke auch Terroristen werden nicht geboren, sondern gemacht. Ich finde es den Gipfel der Heuchelei einen Herrn Netanyahu auf der Demonstration in Paris an vorderster Front zu sehen, obwohl er im eigenen Land nichts anderes befiehlt: das Schießen auf zivile Menschen.

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